Schreibgefühle

»Darf ich mal in die 'Rauschgefühle' reinlesen?«, fragte er mich.

»Selbstverständlich!«, erwiderte ich. Und mit einer kleinen Pause: »Ist ja die Fortsetzung von 'Plattenbaugefühle', in denen eine Figur, die viel mit dir zu tun hat, eine Hauptrolle hatte.«

»Ich hörte davon«, sagte er, »ich habe drei Sätze darin gelesen, aber nie das ganze Buch.«

Plattenbaugefühle war der erste Roman, den ich veröffentlichte, der erste Jonas-Roman, der zwar nicht biografisch war, in dem es aber viele Situationen und Figuren gibt, die an reale Erlebnisse und Menschen angelehnt sind. Bei Danny zum Beispiel hatte ich einen Jungen im Sinn, mit dem ich als Schulsozialarbeiter in Darmstadt-Kranichstein viel zu tun hatte. Ein Schuljahr lang war ich fast jeden Mittwochmittag etwas essen mit ihm. Wir redeten damals viel miteinander, hatten ein recht enges Verhältnis.

Ich gehöre zu dieser Kategorie Schriftsteller, die Schreiben und Leben miteinander vermischen, Grenzen verwischen – manchmal frage ich mich, ob ich etwas geträumt, geschrieben oder tatsächlich erlebt habe. So fragte ich »Danny« bei unserem ersten längeren Treffen nach zehn Jahren, ob er nicht als DJ auflege und musste entdecken, dass die DJ Karriere in meinem Buch zu finden war und kaum in der Realität. Menschen, denen ich begegne, die ich spannend und rätselhaft finde, vielleicht aber auch witzig oder idealtypisch, können Eingang in meine Texte finden. Sie verändern sich in diesen literarischen Werken, sie entwickeln eine Eigendynamik als Figur.

Die Romanzeit in den Jonas-Geschichten hinkt sehr hinterher, das Vorbild zu Danny ist mittlerweile sehr viel älter und hat anfangs vielleicht eine ähnliche Entwicklung wie die Romanfigur mitgemacht, dann jedoch veränderte er sich in eine ganz andere Richtung. Die ganzen Dinge, die ihm zustießen, die Rauschmittel, die er jahrelang zu sich nahm, all das hat ihn verändert, zu einem anderen Menschen gemacht, zu einem Menschen, der nicht mehr »das Vorbild für Danny« sein könnte, und dies meine ich zunächst ohne Wertung.

Für die Leser*innen ist dies erst einmal nicht interessant oder relevant zu wissen, Danny  wird sich in den Texten so entwickeln, wie es passt. Das Spannende ist eher das, was dem Schriftsteller passierte, als er das Vorbild für seine geliebte Figur Danny nach Jahren wiedertraf. Zunächst sah er, sah ich mich, erneut damit konfrontiert, dass Menschen, denen ich mein Werk widme oder über die ich schreibe, sich aus irgendwelchen Gründen nicht damit beschäftigen können oder wollen. Das ist ein merkwürdiges Gefühl. Ein bisschen wie Liebeskummer. Wenn ich den Impuls zu schreiben und danach gelesen zu werden als Wunsch nach Aufmerksamkeit, Wertschätzung und vor allem Liebe begreife (und das tue ich), dann ist das natürlich die Nichtbeachtung meiner Worte eine (narzisstische) Kränkung, die sehr schwer zu ertragen ist. Je mehr ich die Person liebe, desto verletzlicher werde ich ja.

Darin liegt die Gefahr meines Schreibansatzes, das ist mir schon bewusst, und ich habe mir bereits ein dickes Fell angelegt in den letzten Jahren. Ich schreibe sehr nah an meinem eigenen Leben, so wie das auch meine Kolleg*innen MissKreatiEva und Nils Lacker tun – das kann weh tun, mir und anderen, ja, selbst den Leser*innen. Kurt Drawert sagte mal in einer Anmoderation über mich: »Er ist jemand, der dort hingeht, wo es wehtut.« Ja, nicht umsonst heißt mein Blog Schmerzwach. Eine Nichtbeachtung meiner Werke kann also durchaus noch schmerzhafter für mich sein als es für andere Typen von Schriftsteller*innen ist. Doch ich darf nicht jammern, denn ich habe mir diesen Weg ausgesucht – mit all seinen Vor- und Nachteilen. Meine Texte sind authentisch, sie bilden die Realität ab, sie sind echt und wahrhaftig.

Meine Gefühle sind das auch und ich möchte diese hier auf dem Blog immer mal wieder kundtun. Es war eigenartig, das Vorbild von Danny wiederzutreffen und einem ganz anderen Menschen zu begegnen. »Die ganzen Drogen haben mich zerlegt«, sagte er, und ich merkte an jedem seiner wenigen Worte, dass dies stimmte. Er muss sich wieder neu zusammenlegen. Es erschreckte mich. Er erschreckte mich. Ich wusste nicht, wie ich mit ihm reden sollte. Das Vertrauen war nicht da, auf beiden Seiten nicht mehr. Vorsichtig versuchte ich einen Zugang zu finden, schaffte es jedoch nicht. Zu weit hatte ich mich von ihm entfernt – und zwar in jeglicher Hinsicht. Zu weit hatte er sich von mir entfernt. Okay, normal, wir sind offensichtlich beide nicht mehr die, die wir vor zehn Jahren waren. Jetzt werden manche sagen: das ist doch immer so. Ist es aber in meinem Leben nicht. Das gehört zu mir als Schriftsteller und Pädagoge dazu: ich finde immer Anknüpfungspunkte zu Menschen, mit denen ich eine enge Beziehung hatte – und die hatte ich zu ihm.

Er wollte in die »Rauschgefühle« schauen und ich dachte: ich hätte also Danny im dritten Teil in den Mittelpunkt stellen sollen und nicht Fabi – das wäre dann wohl wirklich authentisch gewesen. Ich dachte jedoch auch: es ist kein Zufall, dass ich auf das Vorbild von Danny traf und er mehr Interesse an den »Rauschgefühlen« zeigte als an dem Buch, das ihn liebevoll beschrieb, fast engelsgleich. Dieser dritte Teil musste geschrieben werden und wurde es auch. Ich freue mich auf die Fortsetzung – und auf all das, was damit zusammenhängt.

 

Rauschgefühle bei astikos

Trotz nahenden Abistresses ist Jonas glücklich wie nie. In vollen Zügen genießt er seine Liebe zu Paul und das Leben in Berlin, aus der sich eine eingespielte, vertrauensvolle und leidenschaftliche Beziehung entwickelt hat. Die Krise, an der ihre Liebe um ein Haar zerbrochen wäre, hat die beiden enger zusammengeschweißt. Nichts kann diese Leichtigkeit trüben.
Bis … ja, bis Jonas' bester Freund Fabi einen Schicksalsschlag erleidet. Von diesem Moment an ist er nicht mehr der Alte. Als Fabi eines Tages wie vom Erdboden verschluckt ist, befürchtet Jonas das Schlimmste.

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