Ein Abend im Jazzclub

Ich warte noch auf den Moment bei dem es Klick macht

Samstagabend. Ich lag auf meinem Bett und hatte neben dem Bierdurst auch einen Wahnsinns-Hunger auf musikalische Genialität, den die Miles Davis Playlist auf Spotify mit meinen schnöden Laptop-Boxen nicht mehr stillen konnte. Also entschloss ich mich »The Jazz Bar«, angesiedelt auf der 1 Chamber Street, auszuprobieren. Oft bin ich schon an dem vakuumierten DIN-A4 Blatt an der roten Außenwand vorbeigelaufen, während ich meine Tagesreflektionszigarette genoss, und nun war die Zeit gekommen, den Club und seine Künstler/-innen auch von innen kennenzulernen.

»Hey ya, it's six quits entry tonight!«, sagte der Sicherheitsmann, bevor er mein Alter verifizierte. Nicht gerade billig verglichen mit den nach Kotze riechenden und mit Schlampen überfüllten Clubs, in denen ich sonst bisher war, aber, da das Eintrittsgeld hier direkt an die Künstler/-innen auf der Bühne geht, zahle ich gerne den Preis von sechs Pfund.

»Cheers, mate!«, sagte ich so schottisch wie möglich.

»Cheers. Have fun!«

Schon als ich im engen Gang die Treppe hinunterlief, hörte ich eine wilde Symbiose aus Saxophon, Trompete, einem begleitenden Klavier im Takt gehalten von lässigen Drums und einem protzigen Kontrabass. Es war einer der wöchentlichen »World Premiere Quintets«, eine vom Barbesitzer ausgewählte Handvoll Musiker, die sich das erste Mal an diesem Abend auf der Bühne trafen und zusammen ihren Auftritt improvisierten.

Ich trat ein. Vor mir eine noch mager gefütterte Tanzfläche, zu meiner Linken die Bar, auf der rechten Seite und im Raum verstreut gab es Sitzgelegenheiten. Ich bestellte mir ein Tennents Lager, setzte mich, recht nah an der Bühne, zwischen eine junge Asiatin, die ihr Handy wohl interessanter fand als die Band, und ein (jetzt vielleicht?) Paar in meinem Alter, das gerade ihr erstes Date hatte. Anders als bei anderen Live-Auftritten in Bars, geht man hier nicht raus und erzählt seinen Freunden: »Ja, die haben was von Johnny Cash, Bob Dylan, Creedence Clearwater Revival, den Proclaimers, den Red Hot Chili Peppers und Fleetwood Mac gecovert«. Es ist eben Jazz – wild, improvisiert, genial, und nicht jedermanns Sache.

Man hatte das Gefühl, die Musiker, bestehend aus zwei Mitzwanzigern, zwei Mitfünfzigern und einem irgendwo in der Mitte, spielten sich in einen Rausch. Die Stimmung war super, es wurde getanzt, lässig mitgenickt, auf den Tischen mitgetrommelt und ich bin sicher, selbst die, die keine Jazz-Fans waren, waren an diesem Abend zumindest Fan von diesem Quintett. Die Energie, die von diesen Typen ausging, war nicht zu beschreiben. Obwohl man ihnen ansah, wie sehr sie sich konzentrieren mussten, blieb der Spaß keine Sekunde auf der Strecke. Ihre ganze Körperhaltung und Ausstrahlung schrie: »Das ist Musik. Das ist Jazz. Das ist die Sache, für die ich brenne!« Und genau diese Energie die ins Publikum gefeuert wurde, gaben wir den Musikern zurück.

Was mich für den Jazz begeistert, ist die Tatsache, dass man nie weiß, was kommt, dass immer irgendwann irgendwo eine Änderung des Taktes, der Stimmung, des dominierenden Instrumentes erfolgen kann. Genauso an diesem Abend. Saxophon und Trompete spielten im Wechsel Soli, für die es immer wieder Zwischenapplaus gab und wenn der Drummer oder der Pianist wollten, verlangsamten oder beschleunigten sie den Takt. Der Bass folgte. Ich fragte mich, wieso der Drummer mich die ganze Zeit anlächelt, dachte mir nichts dabei und lächelte zurück. Neben mir wurde intensiver geflirtet, gestreichelt und Wein getrunken, zumindest von einer Seite aus. Alle zehn Minuten, warf ich mal einen flinken Blick auf das Geschehen, vielleicht brauchte der Typ ja einen Wingman ... Es hatte den Anschein, dass immer wenn er versuchte die hübsche Blondine zu küssen, sie ihren Kopf wegdrehte.

Das Qunitett beendete seinen Auftritt, verabschiedete sich, wir applaudierten frenetisch und der Drummer, der mich die ganze Zeit angelächelt hatte, kam auf mich zu. Schließlich gab er der Asiatin neben mir einen Kuss und ging mit den Drumsticks in der einen und dem Mädel an der anderen Hand nach draußen. Eine neue Band begann ihr Equipment aufzubauen, während im Hintergrund Soul und R&B lief. Lieder, die ich noch nie zuvor gehört hatte – umso besser.

Der Typ neben mir stand auf, um eine neue Flasche Wein zu holen. Dann drehte sich die Blondine zu mir herüber und fragte: »Weißt du, ob heute noch eine andere Band spielt?«

Ich hielt mich mit Sarkasmus zurück und sagte freundlich: »Ich denke schon. Steht zumindest auf dem Programmzettel hier.«

»Oh, cool, cool. Wo kommst du her?«, fragte sie mit einem einladenden Lächeln.

Ich war mir nicht sicher, worauf sie hinauswollte und tanzte ihren Tanz mit. »Aus Deutschland«, antwortete ich lakonisch.

»Wo genau aus Deutschland?«

»Kennst du Karlsruhe?«

»Nee!«

»Stuttgart?«

»Leider auch nicht.«

»Mhh. Kennst du Straßburg?«

»Oh, ja klar. Aber das ist doch in Frankreich, oder?

»Ja genau. Irgendwo an der Grenze zu Frankreich,«

»Cool«, sagte sie, während ich an meinem Bier nippte.

»Und was machst du hier?«, bohrte sie weiter.

Ich redete noch ein bisschen mit ihr, doch da ich einem Bruder nicht in die Suppe kacken wollte und eh in festen Händen bin, – raus aus dem Business – entschuldigte ich mich für eine Zigarette.

Glücklicherweise saß der Typ wieder neben ihr, als ich nach unten kam.

Die nächste Band Jambouree war für ihren Auftritt bereit. Fünf Nachwuchsmusiker aus Edinburgh, deren Jazz auf dem Programmzettel als Mischung aus Funk, Hip-Hop und Elementen der Weltmusik beschrieben wurde. »Sehr, sehr groovy«, schrieb außerdem ein BBC Radio Scotland Journalist über die fünfköpfige Jazz Fusion. Das waren sie allerdings. Die Tanzfläche war voller als der notorische Dorfsäufer am ersten Mai und am Vatertag zusammen. Trotz der dichten Menge zogen zwei Mädels mit ihrem ausgefallenen Tanzstil nach dem Schema »tanz-einfach-wie-du-dich-fühlst«, immer wieder von allen Seiten Blicke auf sich. Und trotz ihres ausgeflippten Tanzstils waren beide immer genau im Takt.

»Und jetzt spielen wir einen Song von Joe«, kündigte der verstrubbelte Saxophonist im buntkarrierten Hemd an. Joe ist der Keyboarder der Band und aus musikalisch-intelektueller Sicht wahrscheinlich das größte Nachwuchsgenie, von dem ich je einen Song gehört hatte. Ich bin mir nicht mehr sicher, welcher Song es war, entweder Lava Lava oder Hot Sand – beide unter dem Soundcloud-Link zu finden. Ich war so überwältigt, dass ich nicht anders konnte, als meine Freunde in Deutschland non-stop mit Snaps zu terrorisieren, weil ich das Gefühl hatte, ich müsse dringendst jene Genialität verbreiten. Diese Musik zu beschreiben wäre genauso sinnlos, wie zu versuchen die  Außenfassade des schottischen Parlaments zu beschreiben. Aber das hat auch etwas Schönes, finde ich, und zeugt auf jeden Fall von dem Talent und der Ausgefallenheit Joes und nicht zuletzt der gesamten Band Jambouree ... und dem überbezahlten Dödel, der das schottische Parlament entworfen hat.

Ich spürte ein kreatives Kribbeln in den Fingern, das raus wollte, war inspiriert schnellst möglich  etwas Eigenes zu komponieren und sagte mir 'einen Song noch. Okay, noch den nächsten. Na gut noch die Impro aber dann...' Schließlich überredete ich den Teil in mir, der noch bis zum allerletzten Ton geblieben wäre, ging nach Hause und war nach zwei gebackenen Schinkenbaguettes, letzten Endes zu müde, um noch selbst etwas zu schreiben.

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