Isolation Berlin – Die Musik als Ausweg aus dem künstlichen Techno-Dschungel

Zum ersten Mal hörte ich von Isolation Berlin während einer von vielen ereignislosen Stunden meines FSJ. »Lieber mal den Kulturteil von Spiegel-Online durchstöbern statt mit meinen Kollegen um die Wette Däumchen drehen«, sagte ich mir und stolperte über besagte Band, die vom Autor, kurzgefasst, als depressives Analog zu den Ärzten mit Spätsiebzigerjahre-New-Wave-Einfluss beschrieben wurde. Ich setzte mich auf ein Bett in einem freien Patientenzimmer, konsultierte Youtube und machte meine Ohren mit Isolation Berlin bekannt. Da ich zu jener Zeit aufgrund tiefgreifenden Herzschmerzes selbst kein Kind von Fröhlichkeit war, verliebte ich mich stattdessen in den Mix aus ehrlichen Texten, kaschiert von unbeschwerten Melodien, die zum schnellen Kopfnicken, mitwippen und theatralischen Mitsingen anregen.

Ein paar Tage später fragte mich ein Kumpel, ebenfalls Musik-Fanatiker: »Hey, kennst du Isolation Berlin? Die spielen im April in Stuttgart in `ner Bar«. Wir fuhren mit der Freundin des Kumpels und einer anderen Freundin, einer Vollblut-Punkerin, in die schwäbische Metropole und schauten uns die Band im Goldmarks an.

Das Interesse an der Band hielt an, doch es ging lange, bis ich mich neben der Musik auch mit dem Gitarristen, Sänger und Songschreiber der Band Tobias Bamborschke auseinandersetzt. Ein, in meinen Augen höchst interessanter Künstler. Er zog mit 13 Jahren von Köln nach Berlin und spürte schon früh eine emotionale Kälte in der Stadt. In einem Interview (zu denen er ausschließlich mit Elbsegler-Mütze und Scheiß-Egal-Haltung erscheint) vom Frühjahr 2016 spricht er »von kotzenden, von heulenden, von verreckenden Schicksalen«, die einem täglich auf der Straße begegnen. Die Menschen in Berlin seien seiner Meinung nach emotional abgehärtet und wenden ihre Augen konsequent von diesem Elend ab. Demgegenüber steht die florierende Techno-Szene Berlins mit künstlicher Musik, künstlichen Drogen und künstlichen Grinsefressen, drei Dinge um die der Dreißigjährige einen großen Bogen macht.

Mit Techno und Tanzen kann er nichts anfangen, den Drogenkrieg will er nicht unterstützen, zudem nicht an »reingepanschtem Scheiß verrecken« und die Menschen, die er dort traf, erschienen ihm zu oberflächlich. Er hat vieles ausprobiert, vieles mitgemacht, in diversen Clubs zu Techno getanzt, sich von Ufo-Pupillen nach dem Schema »Berlin ist die geilste Stadt der Welt / Hier bin ich endlich frei / Man lernt so viele nette und kreative Leute kennen« zutexten lassen. Dazu Bamborschke: »Und ich saß dazwischen und fand halt alles Scheiße«. Der gebürtige Kölner geht mit seiner Sag-Nein-zu-Drogen-Einstellung sogar soweit, dass er der glorreichen, versifften, verkoksten New Yorker und Londoner Siebzigerjahre-Punkszene ihren Glanz abspricht.

Bamborschke sagt von sich selbst, er sei kontinuierlich depressiv, was sich je nach Jahreszeit verbessere oder verschlimmere. Unbeschwert glücklich sei er und war er immer nur während des Schreibens. Als er Freunden und Bekannten gegenüber kleine Andeutungen in diese Richtung gab, distanzierten sie sich schnell von ihm, ließen ihn alleine. Er hatte das Gefühl, man werfe ihm sogar vor, nicht glücklich zu sein, er habe doch alles, was man sich wünscht. Der bekennende Kneipenpilger war nun eines dieser Schicksale, von denen man die Augen abwendet, war isoliert. Er fand keine Musik, die diesem Gefühl Ausdruck verleihen konnte, und nahm das Problem selbst in die Hand. In einem Interview im Kaput-Magazin sagte er: »[…] ich hab' nach den Songs gesucht und der Musik, die das ausdrücken, was ich fühle und das hab ich nicht gefunden [...] und dann hab ich selber geschrieben. Das wurde losgetreten von dieser Krise und der Grund war auch der, dass ich mich von allem getrennt habe. Von meiner Freundin von meinen Bekannten. [...]«. Bamborschke zog eine emotionale Berliner Mauer um sich herum, war alleine mit seiner Depression und mit seinem Musikgeschmack (u.a. Joy Division, Element of Crime, Sex Pistols und Nina Hagen). Wie bereits erwähnt versuchen die Berliner, laut Bamborschke, einen so schnell wie möglich loszuwerden, wenn man ihnen erzählt, man sei depressiv. Später fand er heraus, wenn man es künstlerisch verpackt, wird einem mit einem begeisterten »Gut gemacht, Steppke!« auf die Schulter geklopft.

Es ist eine Hassliebe, die ihn mit Berlin verbindet. Ohne Depression keine Kunst. Die Penner, verstreute Warzen im Gesicht der Stadt, die Menschenmassen am Ku'Damm, oder das stille Schlendern am Schlachtensee, verleihen ihm Inspiration.

Mit dieser Inspiration im Gepäck und literarischen Einflüssen wie Heinrich Heine, Hermann Hesse, Mascha Kaléko oder Else Lasker-Schüler malt Bamborschke mit seinen Worten graue, kalte, melancholische Bilder vom zeitgenössischen Berlin, von verlorenen Liebschaften, und den unbezwingbaren Feind, der Depression. Ob das Geschriebene ein Gedicht oder ein Song wird, entscheidet er spontan. Ein erster Gedichtband ist für dieses Jahr angekündigt.

Isolation Berlin nur unter dem musikalischen Oberbegriff »Indie« abzustempeln, wäre eine Schande und eine Beleidigung. Bei dieser Band vermischen sich Stile wie Kulturen in der New Yorker U-Bahn. Es gibt Einflüsse aus der Richtung Hamburger Schule, New Wave, Achtzigerjahre Pop, Zweitausender Indie Rock, Punk Rock, Funk (in Verschließe dein Herz) teils auch leichte Einflüsse aus dem Psychedelic Rock. Nennen wir das Genre der Band ganz einfach Isolation Berlin. Literarisch lassen sich die Texte Bamborschkes dem Genre »urbane Depressionsprävention« zuordnen. Hierbei geht er mit der deutschen Hauptstadt teilweise hart ins Gericht. Typische Kriegserklärungen finden sich unter anderem im nach der Band benannten Song:

Manchmal würd' ich gerne, dem ganzen Dreck entfliehen / doch ich versinke, in der Isolation Berlin / Ich stürz' mich rein in Menschenmassen und treib' hinaus auf hohe See / in das Meer der Gottverlassenen und der Anonymität / ich glaub' ich nehm' die nächste U-Bahn und fahr' zum Bahnhof Zoo / dann nehm' mir 'nen Strick und häng mich auf im Damenklo

Oder in »Aufstehn, losfahrn«:

Aufstehn, losfahrn / Tränen in der Metrotram / Die Leute schaun mich komisch an / Auf meinen Füßen steht ein Mann / Der schnauzt mich von der Seite an /Ob ich denn nich aufpassen kann /Am Ende hat sich's wieder nicht gelohnt / Und zu Hause wartet treu die Depression

Dass die Band auch anders kann, beweist sie mit dem Song »Annabelle«, einem gute-Laune-aufputsch-rosa-Kaugummiblasen-unbeschwerte-Sommerromanze-Track, den der Sänger immer mit dem Satz »der nächste Song ist für die drittschönste Frau der Welt« ansagt:

Ich will mit dir spazieren gehen / Zigaretten und Schnaps mitnehmen / Dann im Park auf einer Bank / Nimmst Du plötzlich meine Hand / Ich geb dir einen Kuss / Du sagst: »Das geht mir zu schnell!« Ich liebe dich so sehr, au! /Annabelle

Um ehrlich zu sein verbrachte ich jenen Abend in Stuttgart mit der Punkerin draußen kiffend auf der Bank vor'm Goldmarks und tauschte neben den Joints Liebeskummer und Lebensweisheiten. Nur der Song »Annabelle« schaffte es, unsere Hintern auf die dichtbevölkerte Tanzfläche zu katapultieren, als von drinnen die Anfangsakkorde drangen. Obwohl ich sonst nichts von dem Konzert mitbekommen habe, bin ich froh, wenigstens dieses eine Lied live miterlebt zu haben und genauso froh, dass ich mich an jenem Morgen ohne Aufgaben für den Kulturteil im Spiegel entschied und nicht zum x-ten Male auf einen Schlagzeilenköder der Kategorie Clinton-Trump-Wahlkampf ansprang. Ich hoffe die Band liefert nach ihren Erfolgsalben Berliner Schule / Protopop so wie Und aus den Wolken tropft die Zeit weiterhin auf diesem Niveau ab. Auch wenn es makaber klingt, wünsche ich Tobias Bamborschke noch viele Jahre der schöpferischen Depression.

 

Empfohlene Band: Isolation Berlin / Tobias Bamborschke (Gesang, Gitarre), David Specht (Bass), Max Bauer (Gitarre, Orgel), Simeon Cöster (Schlagzeug)

Empfohlen für das von folgenden Bands geschulte Ohr: Die Nerven, KaufmannFrust, Trümmer

Empfohlen für: Berliner, die eine Alternative zum vorherrschenden Techno-Monopol suchen, Anhänger der aufkommenden Indie-Punk Szene, Jugendliche mit Herz-Wehwehchen

Empfohlene Songs: Annabelle, Fahr weg, Aquarium, Lisa, Schlachtensee

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