Danke

und bis bald

»Danke und bis bald … Ja, sag‘ ich ihm. Tschüss«, verabschiede ich mich von unserem Genossen Jannis und drücke ihn fest, wie bei jeder unserer Verabschiedungen. No homo, though. Ich laufe das Treppenhaus hinunter und merke auf der ersten Stufe, dass ich fürstlich einen in der Krone habe. Als Vorspeise hatten wir Bier, der Hauptgang war ein feiner Single Malt aus Irland und als Nachspeise gab es all you can smoke Marlboro Menthol. Unser Standardgericht, wenn es mal gerade kein Chili con Carne oder Salami Pizza gibt.
Ich breche auf zur Konstablerwache. Der Himmel ist schwarz mit ein paar wenigen, winzigen Diamanten. Die Mai-Luft ist mild, aber Jacke muss. 13 Minuten bis die nächste U5 fährt. Stressig. Fuck you, RMV! Fuck you, Schild! Fuck you, Asiate neben der Haltestelle, der mir mal 4 Euro 90 abverlangt hat, obwohl es erst halb drei war, und somit noch Mittagsangebot und somit die Nummer 51 nur 3 Euro 50 hätte kosten müssen. Fuck you, Erdogan, weil du ein dummes, verschissenes Faschistenarschloch bist! Fuck me, dass ich nicht drauf gekommen bin einfach in der App nachzuschauen, wann die nächste Bahn kommt. Fuck einfach alles und jeden! Hurenböcke! Stronzi! Putain! Skitstövel! Yarô! Jap, jap, jap. Heute bin ich geil drauf. HEUTE. BIN. ICH. GEIL. DRAUF! Das meine ich ernst.
Ich beschließe die 13 Minuten zu Fuß zu gehen, schwanke angetrunken hin und her, höre dazu ein bisschen Lorde. We’re King and Queen of the weekend. Ain’t no pill that could touch our rush. But what will we do when we’re sober? Wo du Recht hast, Baby, hast du Recht. Auf halber Strecke liegt ein Penner, mit Schuhen, wie sie Penner in Animationsserien tragen, mit vorne offen und die Zehen schauen heraus. Er riecht nach Pisse, seine Haare sind fettig und sein Kissen ist ein Stück Karton. Dem Gesicht nach dürfte er nicht viel älter als ich sein. Vielleicht hat er sich auch einfach gut gehalten. Viel frische Luft und so. Warum liegst du da, du armes Schwein? Warum nicht ich? Manche Witze, die Gott macht, verstehe ich nicht. Ein bisschen weiter vorne komme ich an einem Laden vorbei, der ausschließlich Eiweiß Pulver im Regal hat. Am Fenster hängt ein Poster von so ‘nem Hulk, oberkörperfrei. Er sieht motiviert aus, gebräunt (nicht wie diese Bodybuilder, eher so ein gesundes Braun), aber dennoch sehr hässlich. Wenn ich solche B(u)ilder sehe, weiß ich nicht, was ich fühlen soll. Irgendwas ist da. Morgen werde ich mir eine »Waschbrettbauch-in-30-Tagen-App« runterladen, ganz bestimmt. Wenige Meter weiter stolpere ich am Westin-Grand vorbei und denke, was ich immer denke, wenn ich da vorbeikomme: Wenn das Album endlich fertig geschrieben ist, recorded, vermarktet und sieben Millionen Mal verkauft wurde, dann, Baby, dann machen wir es uns dort gemütlich. Aber warum eigentlich? Eh nur um zu erzählen, dass wir da mal ‘ne Nacht drin gepennt und gefickt haben und dann alle so: »Wooow, die können es sich leisten im Westin-Grand zu pennen« und hinter unserem Rücken werden sie sagen, ich sei abgehoben und lästern und du hättest deine Ausstrahlung verloren und trägst jetzt teures Parfüm und teuren Lippenstift. Vielleicht werde ich auch nur einen von diesen hochpolierten Oldtimern, die im Foyer stehen, gegen die riesige Glasscheibe am Eingang fahren.
Ich erreiche die »Konsti«, gehe zur Sparkasse, vor der Karim auf mich wartet. Karim ist ein Geflüchterter aus Syrien, seit 2014 in Deutschland und zudem ein guter gemeinsamer Freund von Jannis und mir. Seine Deutschkenntnisse sind ordentlich, was auch daran liegt, dass er bei seiner Ausbildung als Hotelfachmann die meiste Zeit auf Deutsch kommunizieren muss. Er kann problemlos konjugieren, Vergangenheitsformen und Präpositionen benutzen etc., nur mit Dativ, Akkusativ und Co. klappt es manchmal nicht so. Jedenfalls kann ich mich problemlos mit ihm unterhalten.
Wir schlagen ein und es kommt das typische karimmäßige Ey-yo-Dicker-was-geeeeeeeht und ich sage dann »Haha, alles fit bei dir?« Und er so »Ja, Mann, bei dir?« Und ich so: »Haha, einwandfrei«, wobei ich mir jedes Mal sehr deutsch vorkomme. Ein-wand-frei. Frei von Einwand. Obwohl man als Deutscher, zumindest vorerst, doch immer gegen alles einen Einwand haben muss, geht es mir einwandfrei. Ein Wort so deutsch, wie das Auflegen von Warentrennern an der Supermarktkasse. Warentrenner…Wa-ren-tre-nner. Ekelhaft!
Wir tun, was wir meistens tun, wenn wir zusammen sind. Uns bei Erdogan ein bisschen Green holen. Erdogan ist ein lethargischer Typ Mitte-Ende 20, der aus der Türkei kommt und alle Deutschen hasst, wie mir Karim des Öfteren erzählt. Er lernte ihn an der Konsti kennen, als einen von denen, die auf der Empore rumstreunen und Leute ansprechen, ob sie was an Drogen brauchen. Mittlerweile kommt er immer mit seinem Fahrrad ans Le Panther im Grüngürtel, auf einer der Bänke warten wir auf ihn dann. Ich denke, das ist der erste Schritt zur Selbstständigkeit und überhaupt ein sehr großer in diesem Business. Als ich das erste Mal dabei war, fragte er Karim, warum er denn einen Polizisten dabeihätte. Mittlerweile gibt er mir sogar die Hand und fragt, was bei mir geht. Das ist also unser Erdogan. Der macht uns heute leider einen Strich durch die Rechnung, weil er derzeit in der Türkei ist, um Ramadan zu machen, wie mir Karim nach einem Telefonat mit ihm erzählt.
Es dauert maximal zwei Minuten bis uns ein glatzköpfiger, nordafrikanischer Typ anlabert. »Braucht ihr was zum Ziehen, Jungs?«. Er ist heiser, trägt einen Rucksack und sieht ein bisschen wie Teddy Comedy aus, nur viel größer und kaputter. Er ist sehr hibbelig, was mich nervt und selbst ein bisschen hibbelig macht. Wir sagen, wir bräuchten kein Koks, aber wenn er etwas zu Rauchen hätte, wäre das nice. Es stellt sich heraus, dass der Typ Marokkaner ist und Karim fängt an mit ihm auf Arabisch zu reden. In solchen Momenten bin ich froh, dass ich ihn dabeihabe. Alle fünf Sekunden zieht der Dude an einer Selbstgedrehten. Immer noch wackelt er auf und ab, hin und her, sieht sich nach Bullen um. Karim dreht sich zu mir und teilt mir mit, der Typ hätte nur Peace. Doch Peace an der Konsti zu kaufen ist ungefähr wie Peace an der Konsti zu kaufen. Generell dort Drogen zu kaufen ist dumm, aber dann auch noch Frankfurter Hase? No, gracias. Dann wieder arabisches Hin und Her, was ich nicht verstehe. Der Typ haut ab und Karim sagt, der Typ müsse zu dem Obermotz gehen und schauen, ob der was Grünes abzudrücken habe. Der Marokkaner dreht auf halbem Weg um und sagt mehrmals, wir sollen hier auf ihn warten, er sei gleich zurück. Während wir vor der Büchergilde warten und rauchen, erzählt mir Karim, dass die Marokkaner die Syrer für ihren Dialekt lieben und vor allem die Leute aus Latakia, seiner Heimatstadt. Dann erzählt er mir wiederum, dass viele Marokkaner den Dschihad unterstützen, und dass der Typ ihn gerade gefragt hätte, ob er auch pro IS sei. »In solchen Momenten musst du einfach lügen. Einfach lügen! Mit so einem ‘ne Diskussion anzufangen ist sinnlos.« Ich bin ein bisschen überfordert mit dieser Information und gebe Karim ein lakonisches, verstörtes »krass« zurück. Überschminkte Tussen in arschbetonenden Jeans schlendern an uns vorbei. Ein Mitfünfziger mit Hemd in der Farbe des Mondes hält in seinem Arm eine schwarzhaarige Frau mit Lederrock, die viel zu dick ist, für das, was sie trägt. Ein paar muskulöse, glatte, clubtauglich angezogene Jungs in Tommy Hilfiger und Ralph Lauren schlendern an uns vorbei und jeder Einzelne von ihnen will heute nichts anderes als ficken. Und zwischen gestochenem Hochdeutsch, Kanakisch, hin und wieder ein paar Brocken Hessisch, Englisch, Russisch, Spanisch, Tigrinya und Arabisch murmelt irgendein Penner mit Bart irgendetwas Unverständliches, Zusammenhangloses vor sich hin. Und zwischen dem ganzen Geschehen stehen ein syrischer Flüchtling und ein blauäugiger, blonder Junge aus der südbadischen Provinz und warten zusammen auf ein bisschen Puff. Das ist die Konstablerwache, meine Damen und Herren, das ist Frankfurt am Main – und ich liebe es!
Nach zehn Minuten kommen der Marokkaner und sein Obermotz. Ich habe ihn mir ein bisschen anders vorgestellt, denn was da vor uns steht, ist ein dicklicher, pickliger junger Mann Mitte 20 mit schwarzen, welligen Haaren, dümmlichem Blick und Brille. Der Marokkaner erklärt uns, dass das Grüne, was er im Angebot habe, Dreck sei und das wolle er uns nicht verkaufen. Dennoch hätte er weiterhin gutes Koks, Keta, Pillen, Heroin, Emma und Braunes im Angebot. Wir bleiben bei unserer Meinung und lehnen ab. »Schade, Jungs. Schönen Abend noch!«, sagt der Typ und gibt uns die Hand. Im selben Zug gebe ich dem Nerd die Hand, wie auch Karim es tut, aber ich verstehe nicht ganz wieso. Der marokkanische Zappelphilipp und der Nerd, welcher die ganze Zeit kein einziges Wort gesagt hat, ziehen ab.
Karim meint, man könne es noch in der Klingerstaße vorm Palmen Grill versuchen. Doch im nächsten Moment sagt er: »Mhh. Ne, Mann, die sind zu aufdringlich. Die kommen auf dich zu und nehmen dich mit zu ihren fünf Kollegen und dann kannst du nicht mehr nein sagen. Dann geben sie dir fürn Zwanni 1,2 und du musst mit ihnen verhandeln, doch bei 1,7 oder 1,8 ist Schluss. Und mehr kannst du nicht verlangen, weil die sind halt zu sechst.«
Nach einer kurzen Lagebesprechung beschließen wir uns bei KIYMET mit Alkohol einzudecken. Drei Kolben Binding und zwei 0,04 Jäger sollen unseren Zustand verändern. Während wir da unter einem Baum sitzen, trinken, rauchen und reden, erzählt mir Karim, wie so oft, mit welchen Mitarbeiterinnen er gerne schlafen würde, und ich erzähle ihm mit welchen Kommilitoninnen ich gerne schlafe würde. Dann erzählt er mir, mit wem er in letzter Zeit geschlafen hat, und ich erzähle ihm, mit wem ich in letzter Zeit geschlafen habe. Als wir das abgehakt haben, reden wir über Politik, über Immigration, über den Krieg in Syrien und dem Klischee-Araber in ihm und dem Klischee-Deutschen in mir. Er erzählt von seiner Heimat, von seiner Verhaftung und von seiner Flucht, von seinen ersten Jahren in Deutschland. In seine alte Heimat kann er nie wieder, doch er telefoniert jede Woche mit seiner Mutter. Mit dem Vater eher selten, weil dieser nicht ganz einverstanden ist mit Karims Facebook-Posts, die sich gegen die Unterdrückung des Assad-Regimes richten, gegen den Krieg und politische Verfolgung, gegen die USA, die im 20. Jahrhundert so viele arabische und persische Staaten zerstört haben und ohne ein blaues Auge davon kamen. Karims Vater ist ein guter Bekannter der Assad Familie und hat durch viele Anrufe bei Karims Prozess in Syrien viel Schlimmes verhindern können. So gesehen hat er nicht direkt etwas gegen seine Posts, er will nur nicht, dass sein Sohn wieder in Schwierigkeiten kommt. Immer wieder sagt Karim Sachen wie: »Ihr wisst gar nicht, wie gut es euch geht in Deutschland. Ihr müsst das echt mehr schätzen. Dass ihr sagen könnt, was ihr wollt, dass ihr Demokratie habt, dass ihr ohne Probleme Atheisten sein könnt!« Und das alles ist für mich unvorstellbar, aber doch real. ALLES! Alles, was da aus seinem Mund kommt, ist ihm passiert und passiert hunderten, tausenden Menschen jeden Tag. »Aber lass uns lieber über etwas Fröhlicheres reden«, sagt Karim schließlich und lacht.
»Lass vor allem mal Nachschub holen«, sage ich motiviert. Um uns herum tobt das Nachtleben von Frankfurt. Wortwörtlich, denn zirka 50 Meter von uns entfernt ist die Bar Nachtleben. Karim schlägt das Silbergold vor und ich sage ihm, dass Techno null mein Ding sei. »Lass es uns mal ausprobieren, komm schon«, macht er weiter, »wenn’s Scheiße ist gehen wir halt wieder. Ich hab auch noch ‘ne E.« Ich erkläre, dass das auch nicht mein Ding ist, doch lasse mich von ihm breitschlagen. Auf einer Mauer 100 Meter entfernt vom Silbergold zerhackt Karim die Pille auf seinem Handy und mit einem gerollten Zwanziger ziehe ich mir die Hälfte des Pulvers in die Nase. Ein bitterer Geschmack breitet sich kurz darauf in meinem Rachen aus. Wir gehen zum Club, in dem ich, nachdem ich drei Euro Eintritt gezahlt habe, das tue, was jeder heterosexuelle Mann als erstes macht, wenn er in einen Club geht: Ausschau nach Frauen halten. Zu meiner Enttäuschung muss ich feststellen, dass es heute größtenteils nach Schwengelparty aussieht. Es riecht irgendwie nach Linoleumboden und Schweiß. Die Tanzfläche ist sehr klein. Viele Jungs, die hier tanzen, erinnern mich an Mark Renton aus Trainspotting. Die Mädchen, die hier sind, sind nicht sehr hübsch. Zwei, drei haben eine Glatze und erinnern mich … auch an Mark Renton. Wahrscheinlich haben sie Glatzen, um ein Statement zu setzen. Statements sind ja heute im Trend bei uns jungen Leuten. Genauso wie gesunde Ernährung mit Chai, Kurkuma, Ingwer und möglichst ohne Fleisch, dann aber jeden Abend die Leber aufs heftigste mit billigem Alkohol malträtieren, dass ihr Hören und Sehen vergeht. Oder Yoga, weil die Inder ja nicht nur Ahnung davon haben, wie man die Umwelt kaputt macht und wie man Frauen scheiße behandelt, sondern gleichzeitig auch noch wissen, wie man Körper und Geist fit hält. Wahrlich ein sehr spirituelles Land. Oder Studieren, weil man das Abi heute ja hinterhergeschmissen bekommt, und wenn man schon mal Abi hat, dann studiert man ja auch gefälligst. Warum jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aufstehen, wenn man sich auch auf Kosten der Eltern ‘n Lenz machen kann? Oder der Klassiker: »was Lockeres.« Penibelste Political Correctness liegt ebenso im Trend. Wobei sich hier schon wieder die Frage stellt, ob der neue Trend nicht heißt, auf Political Correctness zu scheißen, da das ja eigentlich unsere Redefreiheit beeinträchtigt. Vielleicht mal Matthias Horx fragen… Ich schweife ab.
Ein Mädchen gibt es, das heraussticht. Sie hat schöne, lange, schwarze Haare, ein sehr hübsches Gesicht, himmelblaue Augen und straffe Brüste. Doch sie ist in der Zone… Die Musik ist… keine Ahnung, Techno halt. Keine Frage, wem’s gefällt… Ich hab nix dagegen und werde mich über niemanden lustig machen, weil er Techno hört, aber ich kann damit einfach nix anfangen. Man kann mir noch hundert Mal erzählen, dass ich mich einfach darauf einlassen, es fühlen muss und auf die Klangflächen achten soll, die sich verändern. Nope. Sorry. Nicht mein Bier. Ich mache Karim darauf aufmerksam, dass ich es hier keine Sekunde länger aushalte und nach zirka zehn bis 15 Minuten gehen wir wieder.
»Schade, Mann, dass es dir hier nicht gefällt!«, sagt Karim.
»Ist echt nicht mein Ding. Sorry, Dicker!“, antworte ich. „Spürst du schon was von der Pille?«
»Ja, schon. Du nicht?«
»Kein Bisschen. Lass uns noch ein bisschen rumlaufen. Vielleicht kickt es dann.«
»Jo, können wir machen. Mach mal dieses Wenn-du-dann-am-Boden-bist-weißt-du-wo-du-hingehörst-Lied an.«
Wir beschließen, bei Konstifood ein paar Pommes zu holen und kommen an der Polizei Station vorbei. Ich erinnere mich, wie ich mal mit Karim hier vorbeigelaufen bin und wir noch ein bisschen Joint übrig hatten, den wir im Park vorm Le Panther angehauen hatten. Ich hielt den Stummel etwas seitlich neben mich und Karim meinte: »Hast du Angst, dass die Bullen es sehen? Komm, gib ihn dem Kanaken, der war schon im Knast!«
»Echt jetzt?«, fragte ich.
»Ja, in Syrien.« Dann erzählte er mir das erste Mal von seiner Verhaftung, von der Folter und der Flucht.
Wir setzen uns vor den Eingang der Konstifood Station auf die Treppe der Empore und futtern unsere Pommes. Kurze Zeit später betreten zwei unfassbar heiße Mädels den Laden. Also wirklich. Unfassbar geil. Saxon Sharbino oder Julia Almendra geil. Die Blonde trägt weiße enge Jeans und ein graues Bauchfreies Top. Die Brünette verzaubert in einem kurzen Schwarzen. Die Blonde von Beiden beginnt das andere Mädchen anzutwerken. Man kann der Brünetten ansehen, dass es ihr unangenehm ist, doch das blonde Mädchen lässt sich davon nicht beeinflussen. Nun legt die Blonde ihr linkes Bein auf den Tresen, wackelt mit ihrem Arsch in unsere Richtung und blickfickt uns. Und genau in dem Moment baut sich eine schwarzhaarige dicke Frau vor uns auf. Lassen wir sie Anfang 40 sein. Sie fragt uns, wo man denn hier richtig geil saufen kann und warum wir kein Bier in der Hand hätten. Karim und ich sind natürlich viel zu höflich, um zu sagen, sie möge sich bitte verpissen, wir würden gerne weiterhin die real-life-peepshow sehen. Wir sagen der Frau, wo es einen Kiosk gibt und nennen ihr ein paar Bars, die sie sich ins Handy schreibt. Ich kann einen spanischen Akzent bei ihr hören und wechsele kurz darauf ein paar Sätze auf Spanisch mit ihr. Sie will mir zum Abschied einen beso auf die Wange geben und ich willige ein. »Ach, eigentlich war die doch ganz nett«, sage ich, nachdem sie weg ist.
»Schon nett, ja«, sagt Karim und mampft. Die Mädels sind leider nicht mehr da, als der Blick zum Tresen wieder frei ist.
Es ist ungefähr halb fünf, als wir beschließen nach Hause zu gehen. Karim muss den Nachtbus nehmen, ich laufe wieder zurück zu Jannis, bei dem ich gerade übergangsweise wohne. Wir verabschieden uns brüderlich und wieder denke ich daran, wie froh ich bin, dass dieser Mensch mir begegnet ist. Ein Mensch, mit dem es nie langweilig wird, mit dem ich immer etwas zu lachen habe. No homo.
Ich schlendere also zurück. Vorbei am Westin-Grand, wo ich eines Tages mit dir, meine Cara, den Oldtimer gegen die Frontscheibe setzen werde, vorbei an dem hässlichen Muskelprotz, der wieder so hart motiviert guckt und vorbei am Penner, der unverändert da liegt.
200 Meter vor der Haustür merke ich wie der Stoff von vorhin langsam Wirkung zeigt. Ich bin wach – hellwach! Fast fünf Uhr. Es bringt nichts, ich kann jetzt nicht schlafen. Also renne ich ein paar Mal um den Block, um das Zeug aus meinem Kreislauf zu bekommen. Da fällt mir ein, dass um halb zehn Vater, Bruder und Cousin kommen und mir beim Umzug helfen. Dann eine Nachricht von Karim. »Habe an der Konsti grade eine Mexikanerin kennengelernt, bin mit ihr nach Hause und hab sie gefickt. Hab ihr erzählt, ich heiße Alex und komme aus Kroatien. LOL. Danke für den coolen Abend und bis bald!«

 

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