Julia Mandl – Literarische Gastbeiträge

Bus 36

Vor kurzem war ich in Paris. Bis auf einen kleinen Zwischenfall war es ein wunderbarer Kurzurlaub in der französischen Hauptstadt. Während dem gesamten Fußmarsch vom Louvre bis zur Champs Elysees freute ich mich auf meine versprochene Belohnung für die Strapazen des vielen Laufens: ein Besuch in einer bekannten französischen Parfümerie. Als kleines Urlaubsandenken wollte ich mir dort einen bestimmten Lippenstift kaufen. Nach den zurückgelegten Kilometern mit meiner mal wieder viel zu schweren Handtasche, war mein aufgelegtes Make-up selbstverständlich nicht mehr das frischeste. Deswegen ließ es sich die aufdringliche französische Verkäuferin nicht nehmen, mir die verschiedensten Make-up Produkte unter die Nase zu reiben. Ich blieb standhaft und deutete unentwegt auf den Lippenstift: »no, only this one please.« Aber sie ließ mich unmissverständlich verstehen, dass ich wohl gerade ziemlich sch**** aussehen würde und ich dringend neue Konturierungsprodukte und besser haltendes Make-up benötigte. Ich bin jetzt nicht fünf Kilometer gelaufen, um mir – anstatt freudestrahlend etwas zu gönnen – einen Schlag gegen mein Selbstbewusstsein einzustecken. Also drehte ich mich einfach um und ließ die übereifrige Verkäuferin stehen, ohne mir irgendetwas gekauft zu haben. Meine Belohnung bestand dann darin ein Taxi zum Eiffelturm zu nehmen, um das nicht auch noch laufen zu müssen … Aber um mein zerlaufendes Make-up sollte es heute gar nicht gehen. Sondern eigentlich darum: Nach dem Eiffelturm entschieden wir uns – aus Ermangelung an funktionierendem GPS – in einen Bus zum Ostbahnhof zu setzen. Genauer, in einen Bus, der zum Nordbahnhof fährt, um dann zu laufen. »Das wäre nicht weit«, versicherte mir meine Begleitung. War es auch nicht und der Bus war eine ganz herrliche Wahl. Denn wir bekamen damit noch eine wunderbare kostenlose Stadtrundfahrt durch Paris. Der Bus fuhr nochmal am Eiffelturm vorbei,  zur Prachtstraße, an der Oper vorbei zum Kaufhaus Lafayette, durch verschiedenste Viertel mit wunderschönen Häusern. Im Schnelldurchgang hing ich am Fenster und spürte das französische Flair. Während der Fahrt fiel mir wieder ein, dass ich ganz am Anfang meiner Kolumne ebenfalls einen ganz bestimmten Bus einführte. Der Bus 36, der von meiner Haustür abfuhr und mir die Möglichkeiten Frankfurts eröffnete. Das Problem war leider, kurz nach Beginn meines Geschreibsels hier, musste ich umziehen. Nur ein paar Straßen weiter, aber den Bus ließ ich hinter mir. Aus den Augen aus dem Sinn. Inspiriert von diesem schönen Abschluss in Paris, setzte ich mich zurück in Frankfurt einfach mal wieder in meinen Sechsunddreißiger und ließ mich treiben. Von Bockenheim zu den wunderschönen Altbau und gepflasterten Straßen des Frankfurter Westends, hin zu der kulinarischen Meile des Öder Wegs. Weiter auf dem Weg zur schönen Aussicht, mit den Möglichkeiten, vegane Köstlichkeiten im Langosch am Main zu genießen, Craftbeer im Naiv zu trinken – oder sollen es doch eher hippe Cocktails im Moloko sein? Oder gar ein Stück Schokokuchen im Sugar Mama? Oder fährt man einfach weiter ins berühmt berüchtigte Kneipenviertel Alt-Sachsenhausens?

Dieser Bus fährt alles ab, was mein Herz begehrt. Einmal quer durch Frankfurt, über den Main und zurück. Der Weg pflastert einen Haufen Erinnerungen von meinem Beginn in Frankfurt: eine treffsichere Quote für Restaurants fürs erste Date, Fahrten zur Uni oder zu Partys in Sachsenhäuser Jazzclubs. Aber er bietet noch so viele weitere Haltestellen, die bei jeder Fahrt dazu verlocken einfach mal auszusteigen. Das Tempo rauszunehmen. Neues zu entdecken. Neue Viertel, neue Straßen, neue Cafés, neue Erinnerungen. So wie ich in Paris mit großen Augen am Fenster saß und, wenn es die Zeit erlaubt hätte, ständig ausgestiegen wäre, will ich es nun auch viel öfter in meiner eigenen Stadt tun. Ich glaube jede große Stadt hat den einen Bus, der eine inoffizielle Stadtrundfahrt bietet. In Berlin ist es der Bus Nummer 100. Schon da saß ich als Kind liebend gerne bei jedem Besuch in der Hauptstadt oben in der ersten Reihe des Doppeldecker Busses. Liebe LeserInnen, sucht euch euren Bus heraus und gestaltet doch einfach mal eure eigene Hop-on-Hop-off Tour durch eure Stadt. Entdeckt Neues oder besucht einfach mal wieder die alten liebgewonnen Stationen. Den legendären Kaffee an Haltestelle x oder den wunderschönen Park an der nächsten Haltemöglichkeit. Es gibt nichts Schöneres, um den Alltag mal ein wenig zu Entschleunigen, als die eigene Stadt mit den Augen von TouristInnen zu sehen. Ich wünsch Euch viel Spaß. Ich muss jetzt nämlich los, mein Bus kommt gleich.

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